Die Geschichte der Doris Blum

Doris Blum, 35 Jahre

Doris  Blum ist eine durchschnittliche Frau. Sie ist 35 Jahre alt,  verheiratet, berufstätig und hat zwei Kinder. Ihr Sohn Tom ist 8 Jahre  alt und in der Schule. Ihre Tochter Julia ist 5 Jahre alt und im  Kindergarten.


Sie  lebt in einem kleinen Ort mit ca. 5000 Einwohnern. Ihre Eltern leben in  direkter Nachbarschaft und passen oft auf ihre Kinder auf. Doris hat  einen großen Freundes- und Bekanntenkreis bestehend aus vielen Müttern  aus Schule und Kindergarten.


Ihre Schwester wohnt mit ihrem Schwager und ihrem Neffen im Nebenort. Sie haben ein sehr enges Verhältnis.


Sie singt im örtlichen Chor. Die Chormitglieder treffen sich auch oft privat.


Doris geht halbtags arbeiten und hat viele Arbeitskollegen. Mit Einigen trifft sie sich auch privat.


Im  Ort gibt es einen Supermarkt, mehrere Ärzte, einen Friseur, ein  Kosmetikstudio - rundum eine gute Infrastruktur. 


Zusammenfassung:

Doris hat ein  vielschichtiges Netzwerk aus engen familiiären Kontakten, engen und weniger engen Kontakten aus Freunden und Bekannten und losen Kontakt in ihrem Umfeld.

25 Jahre später

Doris Blum, 60 Jahre alt

Es sind 25 Jahre vergangen und es ist viel passiert in dieser Zeit.


Doris` Neffe ist beruflich ans andere Ende von Deutschland gezogen. Er lebt dort mit seiner Frau und drei Kindern. Doris` Schwester und Schwager sind vor 5 Jahren zu Ihrem Sohn gezogen. Leider sehen Sie sich nicht mehr regelmäßig und telefonieren ab und zu.


Doris Sohn ist jetzt 33 Jahre alt. Er hat mit 22 Jahren geheiratet und eine Tochter. Nach 7 Jahren haben Tom und seine Frau sich scheiden lassen. Leider ist der Kontakt zur Schwiegertochter und der Enkeltochter seit dem mehr oder weniger abgebrochen. Tom ist dann für vier Jahre zurück ins Elternhaus gezogen, hat dann eine neue Frau kennengelernt und ist zu ihr gezogen. Ihr Sohn meldet sich nur selten bei ihr, sie sehen sich kaum.


Ihre Tochter ist jetzt 30 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Vor drei Jahren ist Julia mit Ihrem Mann und den Kindern nach Amerika gezogen. Ihr Mann wurde von seiner Firma für zwei Jahre nach Detroit versandt. Nach Ablauf der zwei Jahre kam das Angebot, dort zu bleiben und alle wohnen jetzt fest in Amerika. Sie hat Ihre Tochter und Enkelkinder seitdem nicht mehr treffen können. Sie telefonieren oft per Skype.


Doris Vater ist vor 8 Jahren an Krebs gestorben. Ihre Mutter hatte vor vier Jahren einen Schlaganfall und ist seit dem pflegebedürftig. Sie wohnt jetzt bei Doris und ihrem Mann im Haus. Doris pflegt ihre Mutter, unterstützt durch die Sozialstation im Ort, da sie vormittags arbeitet.


Das Singen im Chor hat Doris aus Zeitgründen aufgeben müssen. 


Bekannte von früher hat Sie nicht mehr viele. Seit Ihre Kinder aus Kindergarten und Schule waren, sind die meisten Kontakte abgebrochen. Viele Freunde hat Doris auch nicht mehr. Sie hat wegen der Pflegebedürftigkeit Ihrer Mutter keine Zeit mehr, sich mit Freunden zu treffen, mit einer Freundin hat sie sich zerstritten, eine andere Freundin hat ein Haus gebaut und ist weggezogen.


Zusammenfassung:

Doris engster Kontaktkreis der Familie ist mehr oder weniger weggebrochen. Auch einige Freundes- und Bekanntenkontakte existieren nicht mehr oder sind nur noch sporadisch vorhanden. 

20 Jahre später

Doris Blum, 80 Jahre alt

Es sind weitere 20 Jahre vergangen.


In der Zwischenzeit sind Doris` Mutter und Mann verstorben. Sie lebt jetzt alleine im Haus.


Freundinnen von ihr sind bereits ebenfalls verstorben, nicht mehr mobil oder im Pflegeheim. Ihre Kinder und Enkel sind weit weg.


Der alte Chor, in dem Doris früher gesungen hat, hat sich aus Altersgründen aufgelöst. Die Kosmetikerin hat ihr Studio aufgegeben, es gibt im Ort keine Kosmetikerin mehr.


Doris selbst ist nicht mehr so mobil wie früher, sie ist auf einen Rollator angewiesen und an manchen Tagen kann sie gar nicht laufen. Sie hat Glück, denn sie bekommt eine gute Rente. Deshalb kann Sie sich einige Dienstleistungen ins Haus bringen lassen. Sie lässt sich die Getränke liefern, der Frisör und Arzt kommen zu ihr nach Hause. Sie bekommt Hilfe von der Sozialstation und vom Physiotherapeuten, die ebenfalls zu ihr nach Hause kommen. Leider kann Doris nicht mehr in die Kirche gehen, da der Weg zu weit und zu beschwerlich ist. Der Pfarrer kommt einmal im Jahr zum Geburtstag zu ihr.


Zum Glück gibt es zwei Nachbarfrauen, die jünger wie sie sind. Die eine Nachbarin kennt sie schon, seit Sie ins Haus eingezogen sind. Sie haben sich schon immer gut verstanden. Die Dame ist 10 Jahre jünger und noch sehr rüstig. Sie kommt gerne zu ihr zum Kaffee trinken, spielen und unterhalten. Die andere Nachbarin ist eine junge Frau um die vierzig. Sie ist vor 5 Jahren mit ihrem Mann und den Kindern  in das Haus nebenan gezogen, nachdem ihre vorige Nachbarin gestorben ist und das Haus verkauft wurde. Diese Frau geht für Sie einkaufen, wenn sie für sich selbst einkaufen geht. Doris kann nicht viel zurückgeben. Aber sie freut sich immer sehr, wenn die Kinder zu ihr in den Garten kommen und dort die alten Spielgeräte wie Schaukel und Sandkasten benutzen. Manchmal liest sie den beiden auch etwas vor oder hilft bei den Hausaufgaben. Denn fit im Kopf ist Doris noch. Die Kinder nennen Sie immer Oma. Das tut ihr so gut, da sie selbst ihre Enkel nur selten sieht.


Zusammenfassung:

Viele ihrer Kontakte sind aus verschiedenen Gründen weggebrochen. Die meiste Zeit ist Doris auf sich allein gestellt und einsam. Sie hat Glück, dass Sie ihre zwei Nachbarinnen hat - ein noch sehr kleines Netzwerk. Neue Kontakte konnte Doris nicht mehr aufbauen, da Sie wegen der jahrelangen Pflege ihrer Mutter sehr isoliert war und mit zunehmendem Alter der Aufbau neuer Freundschaften und Bekanntschaften schwieriger wird. Wenigstens ist Doris finanziell gut versorgt und lebt in einem kleinen Ort mit noch guter Infrastruktur.

Und jetzt stellen Sie sich einmal vor ...

... wenn Doris finanziell nicht so gut abgesichert wäre.


... wenn Doris in einem Ort wohnen würde, wo es keinen Arzt, keine Apotheke, keinen Supermarkt etc. geben würde.


... wenn Doris nicht so hilfsbereite Nachbarn hätte.

Fazit:

Nachbarschaftliche Netzwerke sind immer, aber vor allem im Alter wertvoll und notwendig. Das müssen nicht immer Nachbarn sein, die direkt nebenan wohnen. Es geht darum, dass man Menschen um sich hat, die wissen, wenn etwas nicht stimmt (z.B. Doris macht jeden Tag um 8:30 Uhr die Rollläden hoch oder sie ruft immer alle zwei Tage bei der Nachbarin an) und die einem die kleinen Dinge im Alltag abnehmen können (Einkäufe erledigen, Rasen mähen ...). Jeder Mensch kommt einmal in eine Lage, in der er einen Anderen braucht und diese Tatsache sollte man sich auch schon in jüngeren Jahren bewusst machen.

Hier gibt es die Geschichte als Download